Gut beratene Gründer gründen nachhaltiger – das war der Gedanke des Vorgründungscoachings. Ein Aushängeschild für das "Gründerland Bayern" von Wirtschaftsminister Aiwanger. Nun fällt die Förderung weg.
Das Aus kam plötzlich: Am 21. März verkündete eine Mail das Ende des Vorgründungscoachings zehn Tage später. Nur noch bis zum 31. März konnten Anträge für das "Vorgründungs- und Nachfolgecoaching", so der vollständige Name, des Freistaats Bayern eingereicht werden. Dabei war das Programm gerade noch ein Aushängeschild des Freistaats.
Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger gibt sich als Freund der Selbstständigen und profiliert sich gerne mit der 2014 begonnenen Initiative "Gründerland Bayern". Mit dem Vorgründungscoaching hatte Bayern eine Ausnahmestellung in Deutschland, da sich der Bund 2019 von der "KfW-Beraterbörse" verabschiedet hatte. Seitdem gab es auf Bundesebene kein entsprechendes Programm mehr.
"Sehr gute Möglichkeit, um Gründer vorzubereiten"
Beim bayerischen Vorgründungscoaching konnten Gründungsinteressierte eine Förderung von 70 Prozent für ein Coaching bei einem gelisteten Coach erhalten. Gefördert wurden maximal zehn Beratertage zu einem maximalen Tagessatz von 800 Euro. Die Förderung betrug also bis zu 5.600 Euro. Mit der Durchführung waren für freie Berufe zentral das Institut für Freie Berufe (IFB) der Universität Erlangen-Nürnberg, für Industrie, Handel und Dienstleistungen zentral die IHK Nürnberg und für das Handwerk die Handwerkskammern beauftragt. Diese verkündeten auch das Aus per Mail an ihre Kontakte.
Einer, der die Mail erhielt, ist Walther Bruckschen. Er arbeitet als Trainer und Coach und ist in der für das Programm eingerichteten Beraterdatenbank gelistet. Er hat mehrere Coachings im Rahmen des Vorgründungscoachings durchgeführt. "Das Gründungscoaching ist meiner Meinung nach eine sehr gute Möglichkeit, um Gründer vorzubereiten", sagt Bruckschen. In der Ausgestaltung, die die Förderung zuletzt hatte, musste das Coaching einer Gründung vorgeschaltet sein. "Das Ergebnis der Beratung konnte auch sein, dass man nicht gründet, das war auch in Ordnung", sagt Bruckschen.
"Manche schon ein wenig blauäugig"
Bruckschen nennt ein paar Beispiele für Inhalte des Coachings: das Besprechen der Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken (SWOT-Analyse), die Analyse des Businessplans, wann es sinnvoll ist, mit einem Steuerberater oder einer Steuerberaterin zu arbeiten, Aufklärung darüber, wie Sozialabgaben erhoben werden, wie fürs Alter vorgesorgt werden kann. "Manche gehen da schon ein wenig blauäugig ran", sagt Bruckschen. Da könne ein Coaching wertvolle Tipps geben. "Gut vorbereitete Gründer haben mehr Erfolg", sagt Bruckschen.
Warum beendet Bayern dann dieses Förderprogramm? Das Ministerium teilt uns mit: Die Nachfrage nach den Beratungen und damit auch die Förderzahlen seien stark gesunken. "Die Weiterführung des Förderprogramms und die damit verbundene Bindung sowohl personeller als auch finanzieller Mittel ist aufgrund der gesunkenen Nachfrage nicht mehr sinnvoll."
Sinkende Zahl an Anträgen
Die zugehörigen Zahlen des Ministeriums: Bis zum Jahr 2019 seien im Schnitt mehr als 1.000 Anträge auf Förderung bewilligt worden. In den darauffolgenden Jahren seien die Antragszahlen gesunken – im Jahr 2023 seien es noch 286 Anträge gewesen. 2024 seien die Zahlen weiter gesunken, die endgültigen Jahreszahlen lägen aber noch nicht vor.
Hinsichtlich der Kosten gibt das Ministerium an, dass in der Regel je Antrag zuwendungsfähige Kosten in Höhe von 4.000 bis 5.600 Euro bewilligt worden seien. Diese würden im gewerblichen Bereich zu 50 Prozent aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds "ESF+" und zu 20 Prozent aus Landesmitteln gefördert. Die Förderung aus Landesmitteln betrug demnach je Antrag im Schnitt zwischen 800 und 1.120 Euro – für das Land in der jüngsten Zeit also Kosten im niedrigen sechsstelligen Bereich. Da auch die Verwaltungsabwicklung (Personal und Sachkosten) aus Landesmitteln gefördert werde, seien zu den Kosten der Coachings noch rund 490.000 Euro jährlich hinzuzurechnen.
Bayern verweist (auch) auf den Bund
Gründungsinteressierte verweist das Ministerium auf allgemeine Beratungsmöglichkeiten: Beratungs- und Veranstaltungstermine für Gründer in den Landratsämtern, kostenfreie Erstberatung für Gründungsinteressierte beim Institut für Freie Berufe, den IHKs und den Handwerkskammern. Die "bayerische Unterstützung für Gründerinnen und Gründer" werde "nicht geringer". Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass in der Aufzählung der Unterstützungsmöglichkeiten schon nach den genannten Beratungsmöglichkeiten auf den Bund verwiesen wird: "Darüber hinaus ermöglicht das Programm zur 'Förderung von Unternehmensberatungen für KMU' des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz einen Zuschuss zu Beratungen nach der formalen Gründung."
Mit dem Programm fällt auch die Beraterdatenbank weg, in der für die Coachings in Frage kommenden Berater/innen gelistet waren. Sie war an das Programm gebunden. "Eine Fortführung wäre nicht vertretbar, da durch den Wegfall des Förderprogramms und damit der regelmäßigen Rückmeldungen zur Arbeit der Berater die Basis für eine Beurteilung der Qualifikation und Qualität und damit für die Listung auf der staatlichen Website wegfällt", schreibt das Ministerium.
Datenbank als Last
Auf behördlicher Seite ist eine solche Datenbank immer auch eine Last: Die Qualitätskontrolle ist schwierig, die Pflege mühsam, und im schlimmsten Fall kommt es zu juristischen Konflikten. Coach Bruckschen kann dies nachvollziehen, bedauert die Abschaltung dennoch. Seiner Meinung nach hätte es sinnvoll sein können, die Börse zu erhalten – beispielsweise mit einem anderen Betreiber, der die Datenbank gebührenfinanziert weitergeführt hätte. Aiwangers Ministerium nennt für die Berater den Bund als Alternative. Diese könnten sich dort für das zuvor schon erwähnte Förderprogramm für KMU nach der Gründung registrieren.
Dass die Nachfrage nach Gründungscoachings zurückgeht, deckt sich mit der Gründungsstatistik: Seit 2002 ist die Zahl der Gründungen laut KfW-Gründungsmonitor um 60 Prozent gesunken. Immer weniger Menschen wären gerne selbstständig. Interessanterweise könnte sich allerdings eine steigende Anzahl von Menschen vorstellen, sich einmal selbstständig zu machen, wie die KfW vergangenes Jahr untersucht hat. Sie haben also eine "Gründungsbereitschaft", stoßen allerdings auf "Gründungshemmnisse". Die von der KfW gefundenen Hemmnisse sind: Kapitalmangel, Sicherheitsbedürfnisse, Bürokratie.
Hast du Erfahrung mit Gründungscoachings?
Wenn sich also aus verschiedenen Gründen, beispielsweise Angst vor der Bürokratie, immer weniger Menschen trauen zu gründen, obwohl eine steigende Bereitschaft zur Gründung da ist, wird nun die Beratung, die bei der Bewältigung der Bürokratie helfen kann, gestrichen. Sollte so das Gründerland Bayern aussehen?
Wie sind deine Erfahrungen? Hast du schon einmal ein Coaching vor der Gründung oder danach in Anspruch genommen? Hältst du es für eine sinnvolle Maßnahme? Lass es uns gerne in den Kommentaren wissen.
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